Geschichte
Die Geschichte der Caritas St. Pölten
Grundhaltung der Nächstenliebe wird Grundelement der Kirche Christi
Das Wort "Caritas" leitet sich her vom lateinischen "carus" = teuer, lieb, wertvoll. Im Neuen Testament erhielt es als Entsprechung zum griechischen "agape" einen neuen Bedeutungsgehalt und meint die christliche Liebe. Im heutigen Sprachgebrauch kommt das Wort Caritas in 3 Bedeutungen vor: Es bezeichnet die Liebe Gottes zu den Menschen als Urgrund der Nächstenliebe. Darüber hinaus bezeichnet das Wort die christliche Nächstenliebe und im besonderen die Liebe zu den Armen. Schließlich bezeichnet Caritas die organisierte kirchliche Hilfe und die in diesem Dienst stehenden Werke und Einrichtungen.
Caritas in der Urkirche
Bereits die ersten christlichen Gemeinden entfalteten ein reichhaltiges caritatives Engagement. Diese Caritas war primär eine "Gemeinde-Caritas" und wurde von den Aposteln geleitet, denen Diakone zur Erfüllung besonderer caritativer Aufgaben beigeordnet waren (Apg 6,1-6). Ziel dieser Tätigkeit waren Witwen und Waisen, Arme und Notleidende. Bereits um 100 n. Chr. existiert eine Liste aus Rom, wonach über 1000 Personen (Witwen, Waisen...) durch die caritative Tätigkeit der römischen Gemeinde Hilfe erfuhren. An den frühchristlichen Bischofssitzen entwickelten sich Fremden-, Kranken- und Waisenhäuser. Auch rund um die ersten Klöster wurden von Anfang an solche Institutionen errichtet. Diese Einrichtungen waren umso bedeutender, da es weder ein staatliches Wohlfahrtswesen noch irgendeine Form der sozialen Absicherung gab.
Im Mittelalter - Heilige und Orden
Nach der Völkerwanderung traten die durch Bischöfe und Priester geleisteten Hilfen etwas zurück und gingen stärker auf Lehensherren, Zünfte und Bruderschaften über. Gleichzeitig entstanden neue Orden, die sich der Armen annahmen. In dieser Zeit wirkten auch die bis heute als Vorbild der Caritas geltenden Heiligen Elisabeth von Thüringen und Franz von Assisi durch ihr selbstloses Beispiel der Nächstenliebe. Den wachsenden Städten übertrug man soziale Aufgaben durch die Übernahme frommer Stiftungen. Die sozialen Aufgaben wurden aber immer in engster Zusammenarbeit und unter Beiziehung kirchlichen Personals erfüllt. Nach der Reformationszeit gründet Vinzenz von Paul, der Wegbereiter der neuzeitlichen Caritasarbeit, den Orden der "Barmherzigen Schwestern".
Caritas wird als Organisation Grundelement der Kirche
Infolge der industriellen Revolution und des sich durchsetzenden Kapitalismus als neuer Wirtschaftsordnung im 19. Jahrhundert entstand eine materiell und sozial völlig unabgesicherte Arbeiterschicht, die unter großer Armut und Wohnungsnot leben musste. Die Kirche nahm sich - viel zu spät - mit Hilfe der ersten Dokumente der Katholischen Soziallehre am Beginn des 20. Jahrhunderts sich der notleidenden Arbeiterbevölkerung an (z. B. durch Adolf Kolping..). In Deutschland wird 1897 durch den Priester Lorenz Werthmann der Caritasverband gegründet. Alle katholischen caritativen Einzelinitiativen sollen darin zusammen geschlossen werden. In Österreich entstanden die Caritasverbände in den Diözesen großteils erst nach dem Ersten Weltkrieg als Ausdruck des caritativen Engagements der katholischen Laienbewegung.
In St. Pölten organisierte der damalige Dompfarrer und spätere Bischof Michael Memelauer eine Hilfsaktion für die hungernde Stadtbevölkerung durch die Landpfarren. 1924 wurden im Rahmen des Kath. Volksbundes Kindergärten und Krankenpflege als Caritas organisiert. 1938 wurde die Caritas offiziell durch das NS-Regime verboten, wirkte aber im Untergrund und in den Pfarren weiter.
Nach 1945 bestimmte die Nachkriegsnot die Hilfstätigkeiten der wieder eingesetzten Caritasorganisation, die zunächst im diözesanen Pastoralamt eingerichtet wird. Hilfslieferungen aus dem Ausland mussten verteilt und erste Sammlungen in Österreich organisiert werden. Die große Bewährungsprobe bestand die Caritas 1956 bei der Aufnahme und Weiterleitung hunderttausender Flüchtlinge aus Ungarn
Caritas St. Pölten entwickelt Vielfalt sozialer Dienste
1959 wurde die Caritas in St. Pölten als diözesanes Institut mit eigener öffentlicher Rechtspersönlichkeit neu konstituiert. Mit dem gesellschaftlichen Wandel änderte sich auch die Aufgabenstellung der Caritas.
Neue Anliegen ergaben sich aus der Situation der Wohlstandsgesellschaft: Familienhelferinnen werden ausgebildet und mit Dienstautos mobil gemacht, eine Sozialschule und ein Lehrmädchenheim errichtet, ein Pensionistenheim in St. Pölten und ein Erholungsheim in Mariazell gegründet. In neu errichteten Pfarren werden Kindergärten von der Caritas geführt und für die gesamte Diözese wird die SOS-Gemeinschaft gegründet, um Einzelpersonen und Familien in akuten Notfällen beraten und helfen zu können.
1965 wird mit Ing. Werner Scholz erstmals in Österreich ein Laie als Caritas-Direktor bestellt.
1972 öffnen Beratungsstellen des psycho-sozialen Dienstes in einzelnen Bezirken, die bis 2003 zu differenzierten Beratungszentren mit Freizeitangeboten in jeder Bezirksstadt ausgebaut werden.
1976 wird in Schrems im Waldviertel das erste Tagesheim (heute Werkstatt) für Menschen mit intellektueller Behinderung errichtet, dem weitere 12 Werkstätten im Waldviertel und im nö. Zentralraum folgen.
Im letzten Jahrzehnt werden auf der Basis partnerschaftlicher Konzepte in der Nähe der Werkstätten insgesamt 10 Wohnhäuser errichtet, in denen Menschen mit Behinderungen ein neues betreutes Zuhause finden.
Seit der Diözesansynode 1972 fördert die Caritas den Aufbau ehrenamtlicher Verantwortlicher in den Pfarrgemeinden. Die Pfarrcaritas gehört zur Grundstruktur einer Pfarrgemeinde und sorgt sich in der Pfarre um Menschen, die Hilfe brauchen. Zusätzliche Aufgaben ergeben sich in der Unterstützung von Auslandsprojekten und in der Flüchtlingsbetreuung der Vertriebenen auf dem Balkan. Hauskrankenpflegekurse, Sterbebegleitungs- und Besuchsdienstseminare und aktuelle Themen ergeben ein dichtes Bildungsprogramm der Caritas in den Pfarren.
1978 beginnt der Aufbau der Sozialstationen der Hauskrankenhilfe, über die diplomierte Krankenschwestern, Alten- und Heimhelferinnen Menschen zu Hause pflegen. Die 31 Sozialstationen bilden mittlerweile fast flächendeckend ein dichtes Netz der Hilfe für Pflegebedürftige. Es wird ergänzt mit Notruftelefonen und Essenszustellung.
1992 wird als einmaliges Projekt in Schiltern bei Krems ein psycho-soziales Tages- und Wohnheim im alten Schloß ausgebaut.
Die Lehranstalt der Caritas in St. Pölten wird vergrößert und mit einem Lehrgang für Altendienste und Pflegehilfe und einer Sozialfachschule erweitert.
Seit 1993 organisiert die Caritas eine eigene Auslandshilfe, die Entwicklungsprojekte in Afrika(Senegal), Pakistan und in Osteuropa (Albanien)unterstützt und besonders in der Katastrophenhilfe auf dem Balkan große Spendensummen umsetzt.
1995 überträgt die Aktion Leben das Mutter-Kind-Haus in St. Pölten zur Weiterführung an die Caritas.
Ab 1995 organisiert die Caritas einen Tagesmütter-Dienst, bei dem junge Mütter mit ihren eigenen Kindern auch Klein- und Schulkinder anderer Familien tagsüber im eigenen Haus betreuen.
In Krems-St. Paul wird das CARLA (Gebrauchtwarenlager) aufgebaut, das über den Second hand Laden und Flohmärkte Gebrauchtmöbel, Kleider, Bücher und Haushaltsgeräte umsetzt.
1996 folgt Mag. Friedrich Schuhböck auf Werner Scholz als neuer Caritasdirektor.
Das Haus St. Elisabeth in St. Pölten Wagram wird in den Jahren 1996 - 1999 zu einem modernen Pflege- und Pensionistenheim umgebaut.
Der Mobile Hospizdienst für Schwerkranke und Sterbende wird zunächst ohne öffentliche Unterstützung in St. Pölten gestartet, in den folgenden Jahren auf Krems, Amstetten, Lilienfeld und Waidhofen/Ybbs ausgeweitet.
Die Arbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung und psychischen Erkrankungen zeigt immer deutlicher die notwendige Begleitung der Betroffenen in der Arbeitswelt auf. So nimmt die Caritas 1996 den Dienst der Arbeitsassistenz auf, in der professionelle Betreuer Menschen mit verschiedenen Einschränkungen auf der Suche nach einem Arbeitsplatz unterstützen bzw. eine gefährdete Anstellung zu erhalten versuchen.
Arbeitstrainingsprogramme im Zentrum für Beschäftigungs- und Berufsorientierung (BBO) in St. Pölten ergänzen seit 1997 die berufliche Integration.
Im Jahr 2000 erfolgt eine weitreichende räumliche Umstrukturierung der Caritasdiözesanstelle in St. Pölten. Ein Beratungszentrum mit 14 differenzierten Angeboten wird in der Dr. Karl Renner Promenade 12 eingerichtet und die zentrale Verwaltung übersiedelt in die Hasnerstraße.
Die Arbeit der Caritas St. Pölten umfasst mittlerweile nahezu den ganzen Bereich des menschlichen Lebens: Mütter- und Familienhilfe, Ausbildungsstätten, mobile und stationäre Altenbetreuung, Hospizdienste, Betreuung von Menschen mit Behinderung, Menschen in Not, von Flüchtlingen, von Alkoholkranken und Drogenabhängigen, Betreuung von Menschen mit psychischen Erkrankungen, Berufliche Integration sowie Katastrophen- und Entwicklungshilfe im Ausland.
