Caritas St. Pölten Menschenkette vor NÖ Landhaus

Caritas St. Pölten Menschenkette vor NÖ Landhaus

Geschichten der Nächstenliebe gegen Sprachlosigkeit

Der Umgang mit geflüchteten Menschen macht weltweit, aber besonders auch hier in Niederösterreich, viele Menschen betroffen und sprachlos. Anlässlich des Weltflüchtlingstages möchten wir diese Geschichten der Nächstenliebe im Umgang mit Flüchtlingen öffentlich machen.

Zwischen Hoffnung und Angst ….

Seit September 2017 begleite ich nun einen 20jährigen afghanischen jungen Mann am Weg zur Taufe. Es ist eine wunderschöne Aufgabe jemanden das Christentum vertraut zu machen. Immer wieder bin ich beeindruckt von der tiefe der Gedanken und der Sehnsucht in Jesus seinen Frieden zu finden. Man lernt selber so viel und reflektiert seinen eigenen Glauben. 

Man stößt aber auch an Grenzen, beispielsweise durch die Sprachbarriere. Auch wenn jemand schon B1-Niveau hat, das „religiöse Deutsch“ ist eine Herausforderung. Nichts desto trotz! Es ist eine wundervoll Bereicherung.
Im Herbst sollte es so weit sein, dass er die Taufe empfangen kann und ich darf voller Stolz sein Pate sein. Bei der Aufnahme ins Katechumenat war ich schon sein Zeuge. Ich hätte mir nie zuvor gedacht, wie tief mich das im Innersten berührt. Es ist schön eine solche Verantwortung zu übernehmen.

Und letzte Woche war er nun da, dieser schicksalhafte Termin! Das „zweite Interview“ vor dem Bundesverwaltungsgericht. Insgeheim hätte ich mir gewünscht, dass dieser Tag erst nach der Taufe sein wird. Doch sei es, wie es sei!
Ich musste drei Stunden vor dem Verhandlungssaal warten, da ich auch als Zeuge einvernommen werden sollte. Ich kann kaum beschreiben wie unruhig und nervös ich war. Wird er die Fragen beantworten können? Wir müssen doch noch so viel lernen! Wird er glaubhaft machen können, dass es ihm ernst ist Christ zu werden? Werden seine Beweggründe reichen für einen positiven Bescheid? 

Ständig drängte es mich zum Gebet, zur Fürbitte für diesen jungen hoffnungserfüllten  Menschen…… Und auch ich war bei der Befragung ängstlich und unruhig. Konnte ich glaubhaft vermitteln, dass ich so tief beeindruckt bin von seinem tiefen Glauben und sein Vertrauen auf Gott und Jesus Christus. Ich kann es kaum ausdrücken, wie viele Gedanken und Gefühle durch mich schossen in diesen Stunden.

….. Und nachher las ich sein Protokoll. Und ein Satz lässt mich nicht mehr los! Auf die Frage? Wie hat sich Ihr tägliches Leben verändert, seit Sie am Weg zum Christentum sind?
"Immer wenn ich traurig werde, werfe ich einen Blick auf das Kreuz und setzte mich in die Kirche vor das Kreuz. Ich schaue auf das Kreuz und spreche zu ihm; Du bist für mich gestorben. Ich habe dich an meiner Seite!" …… Ich bin tief bewegt bei diesem Gedanken.
Und wie geht es jetzt weiter? Es wurde ein weiterer Termin anberaumt.
Wieder zwei Wochen warten zwischen Hoffnung und Angst!

Christian Scheidl

Birgit aus der Region St. Pölten erzählt:

„Meine Nachbarn (vom "3- er Haus") sind heut in der Früh abgeschoben worden...eine Familie mit 2 kleinen Kinder wurden um vier Uhr morgens von 12 Polizisten geweckt.
Unsere Söhne sind die besten Freunde und gehen gemeinsam in den Kindergarten. Ich bin fassungslos und verzweifelt.“

Was kann ich denn tun? Ich kann doch nicht einfach so zusehen? Hat man irgendwo irgendwie eine Chance das "rückgängig" zu machen? Ich hab in die Augen von dem kleinen Buben geschaut, wie er im Polizeibus gesessen ist...ich hab die Mama im Arm gehalten.
In welcher Welt leben wir?

10 Tage

10 Tage sind vergangen seit der Abschiebung meiner Nachbarn
10 Tage ohne Demetre in unserm Haus
10 Tage, die erfüllt waren mit Nachdenken, Telefonieren, Mail schreiben
10 Tage, in denen kaum Zeit blieb für meine eigene Familie
10 Tage lang schreibe ich mit Maia (der Mama) und versuche ihr Mut und Hoffnung zu geben
10 Tage, an denen ich immer wieder Unglaubliches erfahren muss: Maia wurde meine Telefonnummer noch in Österreich weggenommen, die Familie wurde mit einem Air Ambulance Jet und 2 Ärzten aus Österreich "begleitet" - was hat das wohl gekostet bzw wie lange hätte man die Familie mit diesem Geld in Ö sinnvoll unterstützen können?!
10 Tage in denen ich unglaublich viel Solidarität und Mitgefühl erfahren durfte- von Privatpersonen, Vereinen, Unbekannten
10 Tage (Nächte) in denen ich kaum geschlafen habe, weil ich mich sorge um die ganze Familie, besonders um Ilja, der dringend Medikamente und Therapien braucht
10 Tage, die mich an meine Grenzen brachten, weil ich "nichts Konktretes" erreicht habe und meine Hilflosigkeit aushalten muss
10 Tage ...und an jedem Einzelnen frage ich mich wieso gerade sie?? Eine Familie, die sich in kürzester Zeit selber trägt (Wohnen, Arbeit, Therapie...alles abgesichert)
10 Tage in denen ich erkennen musste, dass "Wir" nicht die Einzigen sind...
10 Tage...und die Hoffnung, dass es doch noch ein Wiedersehen gibt und alles nur ein schrecklicher Irrtum war...

Birgit Walter

Auszug aus einem Brief von Angela Lahmer-Hackl:

„Eine unserer zwei Familien, die bei uns in Haunoldstein (Bezirk St. Pölten) leben, muss am 27. Juni, nach 5,5 Jahren Österreich verlassen. „Wir sind keine Menschen“, sagt die Mutter von drei Kindern. Das sagt sie nicht etwa über uns ÖsterreicherInnen. Nein, sie sagt es mehrmals über sich und ihre Familie. Ich sitze tief betroffen in ihrer Wohnung. Wenn ich mir die 5,5 Jahre der Familie in Österreich in Erinnerung rufe, muss ich ihr zustimmen. Sie haben so oft in dieser Zeit durch die österreichischen Behörden, durch konkrete Menschen und aktuell durch politische Entscheidungen Schikanen erlebt und ich schäme mich zutiefst für unser Land.

Eigentlich wären sie eine dynamische, fröhliche und zukunftsorientierte Familie, so wie unsere eigenen Kinder gerade sind, die Zukunft vor Augen, viel Kraft, die Welt mitzugestalten. Bei uns lebt die Familie seit Jänner 2017 und sie haben es so wie unsere zweite Flüchtlingsfamilie mit ihrer Art geschafft, im Ort die Stimmung gegenüber Flüchtlingen zum Positiven zu verändern.  Wir haben regelmäßig Kontakt, sie haben mit uns Weihnachten gefeiert.

Die Familie bringt sich im Ort ein, hilft, wenn wo Ehrenamtliche wie bei der Sanierung des Pfarrstadels gebraucht werden, Kuchen und tschetschenische Spezialitäten bei Veranstaltungen gefragt sind. (Meine Enkelkinder haben beim Essen einer der Spezialitäten der Mutter, die sie total gern essen, so heftig protestiert, dass sie vielleicht nicht dableiben können, dass mir die Tränen gekommen sind). Sie arbeiten mit Dienstleistungsscheck. Einen Job annehmen ist ihnen als Asylwerbende in Österreich ja nach wie vor verboten. Sie können gut Deutsch, haben regelmäßigen Deutschkurs, der von zwei MitarbeiterInnen ehrenamtlich gemacht wird und absolvieren die Prüfungen. Sie würden gern ihr eigenes Geld verdienen und entsprechend ihre Steuern bezahlen. Aber das ist ihnen ja verboten. Wir Ehrenamtliche von der Gruppe Willkommen Mensch unterstützen sie sehr, wenn sie wo Hilfe brauchen.

Der Schmerz der tschetschenischen Familie und ihr Gefühl, nirgends ankommen zu dürfen, nirgends gewollt zu sein („Wir sind keine Menschen“) lassen mich vor ihrem Leid nur wortlos stehen. Was antwortet man einem Familienvater, der so alt wie das eigene Kind ist und während einer Autofahrt sagt: „Am besten wäre es, wenn ich mich umbringe, dann wäre alles vorbei, wenn es nicht meine Religion verbieten würde.“? 

Nein, vielmehr muss ich sagen: „Wir sind keine Menschen“. Unsere Politik ist eine unmenschliche geworden. Politik heißt doch, sich darum zu sorgen, dass es allen Menschen des Landes gut geht.

„Wir kennen einen Menschen erst, wenn wir eine Meile in seinen Mokassins gegangen sind.“
Ich habe euch in diesem Brief eingeladen, eine Meile in meinen Mokassins zu gehen – und ein Stück auch in den Mokassins einer unserer Familien.

Mehr Herz WÜRDE helfen. Weiter denken WÜRDE helfen.
Menschen.Würde.Österreich.“

Pfarrer Hans Lagler aus Steinakrichen schreibt:

„Am Montag wurde in Steinakirchen eine 8-köpfige Familie abgeschoben. Wir haben sie drei jahre begleitet. Die Kinder reden Mostviertler Dialekt. Der Vater hätte eine fixe Arbeitszusage. Es wird die ehrenamtliche Arbeit dutzender Menschen, die hunderte Stunden geleistet haben zunichte gemacht.“

Gertrude Zauner aus Kilb schreibt:

Nach anfänglichem Zögern habe ich nun doch beschlossen, meine kleine Geschichte mit einem Flüchtling weiterzugeben. Die Politik unserer derzeitigen Regierung, die mir gelinde gesagt, als verantwortungslos erscheint und die die negative Stimmung in der Bevölkerung noch mehr anheizt, macht mir wirklich Angst. So hoffe ich, dass solche Erfahrungen so manchen zu einem Überdenken seines Standpunktes bewegt.

Nachdem im Laufe der Zeit unser Haus sich immer mehr leerte, lebte ich die letzten Jahre allein darin. Als im Jahre 2015 immer mehr Flüchtlinge Österreich erreichten und die Caritas zur Hilfe aufrief, hatte ich diesen Gedanken, jemandem bei mir aufzunehmen. War aber noch zu feig und wußte nicht, wie das angehen. Einer Gruppe aus unserem Ort ging es ebenso und diese wollten wirklich konkret etwas tun. Diesen schloss ich mich an und so dauerte es nicht lange und ein junger Mann, syrischer Kurde, zog bei mir ein.

Anfangs war es nicht ganz leicht für mich und sicher auch nicht für ihn. Da war das Verständigungsproblem und weil mir, bzw. uns als Volk diese Leichtigkeit im Umgang mit Fremden fehlt. Da hat mir unsere Gruppe sehr geholfen, die sich regelmäßig zum Erfahrungsaustausch und zum Planen von Möglichkeiten zur Integration, Sprachunterricht etc. getroffen hat. Auch meine Familie hat das Ihre dazu beigetragen. Er selbst hatte auch Freunde, bzw. entfernte Verwandte in der Region.

Mit der Zeit sind wir immer mehr zusammengewachsen. Er hat mir viel geholfen und ich habe viel von ihm und den anderen in unserem Ort wohnhaften Asyl-Suchenden gelernt. Mittlerweile ist er ausgezogen, da er in der Stadt (St. Pölten) mehr Möglichkeiten sah und auch seine Freunde hatte. Lose sind wir nach wie vor in Kontakt und wir freuen uns immer sehr, wenn wir uns sehen. Für mich war es sehr bereichernd, diesen Schritt getan zu haben.