Caritas St. Pölten Menschenkette vor NÖ Landhaus

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Die langsame Gewalt des Klimawandels

01.03.16 / 10:03

„Erst stirbt der Wald …und dann der Mensch!“, klebte an in den 1980 Jahren an manch einer Tür. Bücher wie „Die Grenzen des Wachstums“ lagen am Nachtkästchen und an der Jacke durfte der gelb-rote Anstecker mit der lachenden Sonne nicht fehlen. „AKW - Nein danke“. Das waren noch Zeiten. Da ließ es sich noch schön Schwarzmalen. Von Waldsterben bis Super-GAU, von Ozonloch bis Artensterben. Kriege um Erdöl wurden prophezeit. Vor Dürren und Überschwemmungen als Folge des Treibhauseffekts wurde gewarnt, wenn so  weitergewirtschaftet werde. Die Schwarzmalerei der 1980er Jahre ist Geschichte. Jetzt sind sie nämlich da, die Katastrophen. Während Waldsterben und Ozonloch halbwegs in Grenzen gehalten werden konnten, zeigt der Klimawandel spürbar seine Auswirkungen. Eine enorme Hitzewelle und außerordentlich heftige Monsunregen haben das beispielsweise heuer in Asien – so auch in Pakistan – gezeigt. Pakistan gehört übrigens zu den zehn am stärksten vom Klimawandel betroffenen Staaten. Gleichzeitig auch zu jenen Staaten, die den Klimawandel am wenigsten verursachen.

Verrückt, was sich heuer in Pakistan abgespielt hat. Erst die alles erdrückende Hitze und dann so viel Wasser, dass sich keiner erwehren kann. Mehr als tausend Hitzetote bei Temperaturen von 45 Grad und mehr sorgten im Juni dieses Jahres für große Not im Land. Natürlich, so etwas gab es in der Vergangenheit immer wieder. In den letzten Jahren wurden diese Hitze-Perioden allerdings extremer. Sie dauern jetzt länger, die Spitzentemperaturen sind höher.

Deutliche Veränderungen auch bei den Monsunregen. Die Bilder vom Hochwasser, das im Jahr 2010 ein Fünftel der Landesfläche überflutet und knapp zweitausend Menschen das Leben gekostet hat, gingen um die Welt. Weniger Beachtung fanden die Überschwemmungen in den Jahren danach. Auch heuer trat der Indus über seine Ufer. Mehr als zweihundert Menschen starben. Die Existenzgrundlage einer halben Million Menschen wurde ruiniert. Der Weg aus der Armut wird immer schwieriger. Die Monsunregen werden gewaltiger, die Gletscherschmelze im Himalaya tut ihr übriges dazu. Langsam und zumeist abseits der weltweiten Aufmerksamkeit hinterlässt der Klimawandel in der Region seine Spuren.

Überschwemmungen und Dürren entgegen

Die Vorhersage funktioniert deutlich besser als noch vor einigen Jahren. Beim großen Hochwasser im Jahr 2010, da wurden noch viele von den Wassermassen überrascht. Mittlerweile weiß man, wann Überschwemmungen drohen. Menschen können rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden, wenn die Regenfälle kritische Grenzwerte überschreiten.
Und das geschieht immer häufiger, weil die in den letzten Jahren gestiegenen Temperaturen mehr Wasser in den Ozeanen verdunsten lassen. Wasser, das beim Monsunregen wieder vom Himmel fällt. Mitunter sintflutartig.

Flucht vor dem Hochwasser

Trotzdem gibt es Menschen, die lieber bleiben möchten und nur sehr schwer zu überreden sind, ihre Wohnstätten zu verlassen. Was sollen sie tun, wenn die Wassermassen wieder verschwunden sind und mit ihnen ihre Tiere, ihr Hab und Gut, ihre Existenzgrundlage? Auch wenn Menschen rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden, Baumwollfelder, Zuckerrohr oder Reispflanzen können nicht evakuiert werden. Die Perspektiven sind alles andere als ermutigend. Zurückkehren, bis die nächste Flut kommt? Und einmal mehr die Ernte ruiniert? An den Stadtrand der nächsten Großstadt ziehen und – wie Millionen andere – im Slum den Existenzkampf weiterführen? Der Begriff „Klimaflüchtling“ gewinnt zunehmend an Bedeutung. Ganz besonders in Pakistan.

Gletscher schmelzen weg

Wenig erbaulich ist die Einschätzung von Klimaforschern. Bei einem weiteren Anstieg der Temperaturen – von 1,75 C° bis zum Jahr 2040 kann ausgegangen werden – wird die Gletscherschmelze im Himalaya-Gebirge noch stärker voranschreiten. Bereits jetzt – so wird geschätzt – ist gut ein Drittel weniger an Eismassen da als noch vor einem halben Jahrhundert. Mehr Wasser wird abgegeben, weniger gespeichert. In den letzten Jahren hat sich der Prozess sogar beschleunigt. Das Wegschmelzen der Gletscher und immer stärkere Monsunregen sind die Gründe für die enormen Überschwemmungen der letzten Jahre. In zwanzig, dreißig Jahren – wenn die Gletscher nur mehr wenig Wasser abzugeben haben – könnte sich die Situation umdrehen und es verstärkt zu Dürren kommen.

Noch trockener, noch heißer

Dürren gibt es auch jetzt schon. Im Südosten des Landes befindet sich die wohl am dichtest besiedelte Wüste der Welt, die Wüste Thar. Seit vielen Generationen ringen die dort lebenden Menschen der kargen Umgebung das Wenige ab, was zum Überleben gerade noch (oder manchmal nicht mehr) reicht.
Temperaturen von mehr als 50 Grad sind dort keine Seltenheit. Die durchschnittliche Niederschlagsmenge beträgt gerade einmal fünf Zentimeter pro Jahr, nicht einmal ein Zehntel dessen, was Österreichs trockenste Orte erhalten. Während weite Teile Pakistans immer stärker unter Überschwemmungen leiden, lassen die seltenen Regenfälle in der Wüste Thar nun fast völlig aus. Die Situation hat sich im letzten Jahrzehnt deutlich verschärft. Noch trockener, noch heißer ist es jetzt geworden. Die Konsequenzen sind: Unterernährung, Mangelernährung, Krankheiten für die ohnedies genügsam lebende Bevölkerung.

Verlierer sind alle, die Armen mehr

Ob Hochwasser oder Dürre, die Schäden sind enorm, menschlich und wirtschaftlich. Besonders stark betroffen sind arme Bevölkerungsgruppen. Gerade für sie ist es daher wichtig, sich gegen den Klimawandel zu rüsten. Häuser stabil zu bauen, vorausschauend in die Landwirtschaft zu investieren. Weltweit sind nicht nur die Menschen dort am ärmsten, wo die größten Katastrophen stattfinden, sondern auch die Katastrophen dort am größten, wo die Menschen in Armut leben. Eine Erkenntnis, die sich nach zahllosen Klimakonferenzen auch bei der UNO durchgesetzt hat, als man daran ging, die heuer zu Ende gegangenen Millenium Development Goals (MDG) neu zu definieren. Wer Klima schützen will, muss auch die Armut bekämpfen. Wer Armut bekämpfen will, muss in Bildung investieren, wer in der Bildung Verbesserungen erzielen will, muss die Gesundheit mitdenken, und so weiter. Wie ein Sudoku mutet das neue Programm an. Will man ein bestimmtes Feld füllen, muss auch am anderen Ende nachgedacht werden. Aus MDG (Millenium Developement Goals) wurden SDG, Sustainable Development Goals. Der neue, breitere Blick gibt Hoffnung. Hoffnung, die nicht zuletzt auch von Papst Franziskus Rückenwind erhalten hat. Mit seiner Enzyklika „Laudato si“ bringt er die Sorge um die Folgen des Klimawandels rechtzeitig vor der nächsten Klimakonferenz zum Ausdruck.

Doch während sich noch eine UN-Klimakonferenz an die andere reiht, heißt es in Pakistan erst einmal: Handeln. Mancherorts passiert das auf beeindruckende Weise und ganz im Sinne der Sustainable Development Goals, schon lange bevor es diese gab. Nicht immer, weil ein schneller Erfolg zu erwarten ist, sondern weil es richtig und notwendig ist. Die Caritas-Projekte in Pakistan gehören definitiv dazu. Ob langjährige Programme zur Ernährungssicherheit oder schnelle Hilfe in Katastrophen, ob Kleinstkredite oder Frauenförderung, ob Verbesserung der Gesundheitssituation oder Schulbildung für Kinder, sämtliche von der Caritas unterstützte Projekte zielen darauf ab, Menschen aus der Armut zu helfen, soziale Gerechtigkeit zu fördern, die Gemeinschaft zu stärken. Und wie bei einem Sudoku fügen sich die vielen Aktivitäten zu einem Ganzen und tragen letztlich auch dazu bei, gegenüber den Folgen des Klimawandels weniger verletzlich zu sein.

Von Andreas Zinggl, Auslandshilfereferent Pakistan