Weil wir bei Armut nicht wegschauen. Caritas startet Haussammlung 2026

Rund 11.600 Menschen in Niederösterreich sind auf Sozialhilfe angewiesen. Die öffentlich diskutierten Kürzungen im Sozialbereich würden genau jene treffen, die schon jetzt am wenigsten haben. Das machten Direktor Hannes Ziselsberger, Generalsekretär Christoph Riedl und Armutsexpertin Tamara Majnek heute bei einer Pressekonferenz im WirkRaum der Caritas in St. Pölten deutlich – anlässlich des Starts der 76. Caritas Haussammlung.

„Das sind keine abstrakten Zahlen“
„Rund 11.600 Menschen in Niederösterreich sind auf Sozialhilfe angewiesen. Das sind keine abstrakten Zahlen. Das sind Familien, die abends überlegen, ob sie die Heizung aufdrehen oder Strom sparen. Alleinerziehende, die ihren Kindern erklären müssen, warum sie beim Schulausflug nicht dabei sein können.“ Mit diesen Worten eröffnete Caritasdirektor Hannes Ziselsberger die Pressekonferenz.

Sein klares Urteil zu den geplanten Reformen: Maßnahmen wie die Anhebung der Arbeitslosenversicherungsbeiträge bei Niedrigverdienenden, die fortgesetzte Nichtvalorisierung von Familienleistungen oder die Wiedereinführung der Anrechnung des Partnereinkommens bei der Notstandshilfe würden das soziale Netz weiter ausdünnen. „Das Sozialsystem hilft zwar vielen Menschen – es reicht aber nicht mehr aus, um alle Notsituationen aufzufangen. Armutsgefährdete Menschen leben einkommensmäßig auf dünnem Eis. Und die diskutierten Einschnitte machen dieses Eis noch dünner“, so Ziselsberger.

Fakten statt Mythen: Was Sozialhilfe wirklich bedeutet
Generalsekretär Christoph Riedl räumte mit hartnäckigen Missverständnissen auf: „Kaum eine Leistung der öffentlichen Hand wird so emotional diskutiert wie die Sozialhilfe. Bilder von Hängematten und dem Ausruhen in der Sozialhilfe werden wiederholt – auch wenn sie nicht stimmen.“ Die Realität: In Niederösterreich machen die Sozialhilfeausgaben gerade einmal 0,64 Prozent des Landesbudgets aus – 60 Millionen Euro von insgesamt 9,4 Milliarden.

Von den 11.663 Bezieher*innen kann mehr als die Hälfte – rund 7.000 Personen – kein eigenes Einkommen verdienen. Die größte Gruppe sind Kinder unter 15 Jahren (47 Prozent, 3.294 Kinder), gefolgt von Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stehen (18,9 Prozent), und Personen im Pensionsalter (13,4 Prozent). Der durchschnittliche Bezug lag bei 786 Euro pro Monat – für im Schnitt 8,1 Monate.„Jede Ankündigung der Politik, bei der Sozialhilfe sparen zu wollen, bringt keine Millionen ins Budget, sondern erhöht den Druck auf Menschen, die ohnehin nicht viel zum Leben haben.“, so Christoph Riedl, Generalsekretär Caritas St. Pölten.Dabei ist die Zahl derer, die von Armut bedroht sind, deutlich größer: 190.000 Menschen in Niederösterreich gelten als armutsgefährdet, 67.000 leben in absoluter Armut. Ein einschneidendes Ereignis – Jobverlust, Krankheit, Trennung – reicht oft, um eine Familie in eine akute Notlage zu treiben.

Was Sozialarbeiter*innen täglich erleben
Tamara Majnek, Fachbereichsleiterin Inlandshilfe, präsentierte Ergebnisse einer gemeinsamen Befragung von Caritas und Volkshilfe unter 116 Caritas-Mitarbeiter*innen aus Niederösterreich, die täglich mit Sozialhilfebeziehenden arbeiten. Das Bild ist eindeutig:

  • Mehr als zwei Drittel sagen, dass die Sozialhilfe nicht ausreicht, um grundlegende Lebenshaltungskosten zu decken.
  • Über 90 Prozent berichten, dass viele Menschen ohne zusätzliche Unterstützung – etwa Lebensmittelgutscheine oder Energiekostenzuschüsse – ihren Alltag nicht bewältigen könnten.
  • Fast alle Befragten geben an, dass die Teuerung die finanzielle Situation massiv verschärft hat.

„Menschen sparen längst nicht mehr irgendwo zusätzlich. Sie sparen beim Essen, beim Heizen oder an sozialer Teilhabe. Viele ziehen sich zurück, weil selbst kleine Ausgaben nicht mehr möglich sind.“, so Tamara Majnek, Armutsexpertin und Fachbereichsleiterin Caritas Inlandshilfe.
Besonders besorgniserregend ist die Situation von Kindern: 88 Prozent der Befragten halten die Kinderrichtsätze in NÖ für nicht ausreichend. Für 92,6 Prozent ist eine vollumfängliche Bildungsteilhabe – Schulausflüge, Lernmaterialien, Nachhilfe – für Kinder in Sozialhilfehaushalten kaum möglich. 83,3 Prozent sehen keine realistische Möglichkeit gesunder Ernährung für diese Kinder. „Gerade Familien und Kinder, die ohnehin unter massivem Druck stehen, würden durch Kürzungen bei der Sozialhilfe noch weiter belastet“, so Majnek.

Sozialberatung: Bedarf bleibt hoch
2025 gab es in der Caritas Sozialberatung 12.478 Kontakte mit Klient*innen, davon 42 Prozent Erstkontakte. 16 Prozent der Klient*innen sind alleinerziehend – fast dreimal so viel wie in der Gesamtbevölkerung (6 Prozent). Die Problemlagen werden komplexer: Zu Wohn- und Energiekosten kommen zunehmend psychische Belastungen und gesundheitliche Probleme. Insgesamt wurden 769.212 Euro an Unterstützungszahlungen geleistet.
„Sozialhilfe darf nicht entmutigen oder zusätzlich unter Druck setzen. Sie soll absichern und Menschen dabei unterstützen, Schritt für Schritt wieder Fuß zu fassen“, betonte Majnek.

Hilfe aus der Region für die Region – die Caritas Haussammlung
Die 76. Caritas Haussammlung ist die wichtigste Spendeninitiative für Menschen in Not in Niederösterreich. Rund 3.000 Freiwillige aus den Pfarren gehen in den kommenden Wochen von Haustür zu Haustür. Sie bitten nicht nur um Spenden – sie hören zu, erklären und bauen Brücken zwischen jenen, die etwas geben können, und jenen, die etwas brauchen.„Diese große Aktion der Solidarität kann es nur geben, weil viele Haussammler*innen bereit sind, sich auf den Weg zu machen. Sie sind Botschafter*innen der Nächstenliebe – und machen gelebte Solidarität sichtbar.“, so Hannes Ziselsberger, Direktor Caritas St. Pölten.

 „Die rund 3.000 Haussammler*innen werden mit begleitenden Maßnahmen und Materialien bestmöglich unterstützt, um die Haussammlung in den Pfarren durchführen zu können“ so Christa Herzberger, Leiterin der Pfarrcaritas. Als eine der vielen hundert Ehrenamtlichen berichteten Anna Hauer und Drazenka Meissl aus Langenlois von ihren Erfahrungen als Sammlerin und Mitarbeiterin der Pfarrcaritas: „Wir erleben, dass Familien, in denen beide Eltern arbeiten, die Miete nicht mehr zahlen können. Die Fixkosten sind so hoch geworden, dass der Spielraum für Essen und andere Ausgaben extrem eng wird.“ Deshalb ist die Caritas Haussammlung für uns so wichtig und dass es sie weitergibt. Denn sonst würde es auch diese Begegnungen nicht mehr geben“, betonen die Haussammlerinnen. „Durch das Sammeln von Spenden können wir außerdem bewirken, dass etwas zum Besseren verändert und Menschen direkt vor Ort geholfen wird.“ 

Zehn Prozent des Sammelergebnisses bleiben in der jeweiligen Pfarre für konkrete Hilfsprojekte vor Ort. Der Rest fließt in Einrichtungen und Projekte der Caritas in der Diözese St. Pölten – Sozialberatung, Sozialmärkte, Mutter-Kind-Haus und Soforthilfe nach Naturkatastrophen. 2025 erzielten die Sammler*innen gemeinsam 700.600 Euro. Jeder Euro bleibt in der Region.

Die Haussammlung wird von der EVN unterstützt womit die Druckkosten nicht aus Spendengeldern finanziert werden müssen.

Wir helfen. Weil wir bei Armut nicht wegschauen. Seit 106 Jahren.

Spendenmöglichkeiten zur Haussammlung:

Caritas Spendenkonto: IBAN: AT28 3258 5000 0007 6000; Kennwort: Haussammlung
Online-Spenden unter www.caritas-haussammlung.at
Unterstützen kann man online einfach und schnell auch in unserem 
Wir helfen-Shop: https://wirhelfen.shop/caritas-haussammlung

Caritas startet Haussammlung 2026