Der Liedermacher Reinhard Mey antwortet in einem Interview auf die Frage: Glauben Sie an das ewige Leben?: „Ich wünsch es mir. … Ich würde so gerne unseren Sohn Max wiedersehen, der mit 32 Jahren starb,
nach fünf Jahren Wachkoma. Und das geht nur mit dem ewigen Leben. Ich kann es mir jetzt schwer vorstellen, aber ich möchte da hinauf zu ihm. Und auch wenn es das vielleicht nicht gibt, diese Vorstellung hilft mir, damit fertigzuwerden. Für mich soll es das geben.“ (Die Zeit, Nr.14 26.3.2020, Seite 39)
Mit dem Coronavirus ist auch der Tod auf neue Weise in das gesellschaftliche Leben eingebrochen. Täglich wird die Zahl der an Covid19 verstorbenen Personen bekanntgegeben. Um die Zahl der Schwerkranken und Toten möglichst gering zu halten, ist unsere Freiheit eingeschränkt und übt eine ganze Gesellschaft rücksichtsvolle Solidarität. Auch wer sich um die eigene Gesundheit oder die naher Angehöriger nicht unmittelbar Sorgen macht, ist vom dem betroffen, was der mögliche Tod in der Gesellschaft ausgelöst hat.
Mir kommt diese kollektive Situation ähnlich vor wie das, was einzelne Menschen erleben können, die vom Sterben anderer betroffen sind. Da scheint die Zeit für eine Weile still zu stehen; da wird alles andere
davon überlagert. Da wankt der vermeintlich sichere Boden und muss das verbliebene Leben neu sortiert werden. Vor allem, wenn der Tod plötzlich kam, hat die Seele schwer zu arbeiten, um mit den Geschehnissen zurechtzukommen. Vielleicht ist dieser Vergleich zu dramatisch. Für viele hat die derzeitige Entschleunigung und die neue Häuslichkeit ja auch angenehme Seiten. Und so manches wird jetzt gelernt, was vielleicht in der Zeit nach der Krise zu einem besseren Leben als vorher beitragen wird.
Dennoch bleibt mir der Eindruck, dass Verlust und Abschied ebenso wie Ohnmacht und Endlichkeit die Schattenthemen sind, die zum motivierenden „Wir schaffen das“ unweigerlich dazugehören. Nicht nur, weil Arbeitsplätze verloren gehen und Eltern ans Ende ihrer Nervenkraft kommen, sondern weil das Virus mit dem Tod konfrontiert.
Eine normale Reaktion auf Verlust ist Trauer, bei Ohnmacht und Lebensende ist es oft Angst. Beides lässt sich nicht dauerhaft wegschieben, sondern will ausgehalten und durchlebt werden. Die Kraft dafür kann aus der Hoffnung kommen. Nicht aus billiger Vertröstung nach dem Motto: Das wird schon wieder. Sondern aus der Hoffnung, die eine Kraft ist, die uns in der Gegenwart hält. Sie vertraut darauf, dass Grund und Ziel allen Lebens nicht das Nichts ist, sondern die Liebe. Im Blick auf die Menschen, die ich liebe, heißt das auch für mich: Ich hoffe, dass wir uns in Gottes Gegenwart wiedererkennen und zusammen sein werden. Ich hoffe, dass die Liebe letztendlich alles trägt. In dieser Hoffnung versuche ich auch, mich dem zu stellen, was das Virus mit sich bringt.
