Von Kronen und königlicher Würde

„Was sind die Menschen, dass du an sie denkst, ein Menschenkind, dass du nach ihm siehst? Wenig geringer als Gott lässt du sie sein, mit Würde und Glanz krönst du sie. Du lässt sie walten über die Werke deiner Hände.“ Psalm 8 (Übersetzung: Bibel in gerechter Sprache)

 

Krone der Schöpfung wird der Mensch oft genannt – auch wenn dieser Krone schon ein paar Zacken fehlen. So souverän und völlig autonom, wie wir als Menschen gerne wären, sind wir nämlich nicht. Ausgerechnet die Corona-Krise zeigt das wieder deutlich. Corona ist das lateinische Wort für Krone – das Virus ist so benannt, weil es im Mikroskop so aussieht, als hätte es eine gezackte Krone auf. Und es scheint fast, als wäre dieses Virus ein neuer Weltherrscher, dessen Regime sich der Mensch beugen muss. Es konfrontiert uns sehr klar mit den Grenzen unserer Macht – und zeigt zugleich auf, wie wichtig – weil folgenreich! – unser Handeln ist. Wir haben nicht alles im Griff, aber wir können viel machen und dabei kommt es auf jede und jeden Einzelnen an. Gutes Leben für alle ist nur als gemeinsames Projekt, nur durch solidarischen Einsatz erreichbar.

Diese demokratisierte Sicht des Herrschens ist auch ein Grundzug der Bibel. Sie sieht alle Menschen „mit Würde und Glanz gekrönt“ – nicht nur ein paar wenige elitäre Häupter. Zwar gab es auch im alten Israel Könige und Untertanen und wurde und wird die Bibel bis heute zur Untermauerung monarchischer Herrschaftsformen herangezogen. Doch wurde der Strang, der von der gleichen Königswürde aller Gotteskinder spricht, nie ganz zum Schweigen gebracht. Und idealerweise ist ein König derjenige, der für das Wohl aller sorgt. Dieses Ziel alleine legitimiert bis heute die Machtbefugnisse der Herrschenden – auch in demokratischen Systemen. 

Das gekrönte Virus könnte uns daran erinnern: Königlich sind nicht Willkür und Selbstgefälligkeit, sondern ein Leben in Freiheit und Verantwortung. Das buchstabiert sich aktuell auch so aus: Es ist wichtiger und menschenwürdiger, dass alle gemeinsam füreinander sorgen und also weiterhin die Vorsichtsmaßnahmen zur Eindämmung des Virus einhalten, als endlich wieder tun zu können, wonach einem gerade ist.

Der Wendepunkt zwischen der Kritik an der Regierung, weil die Maßnahmen zu weit gehen, und der Kritik, dass sie zu lax sind und zu wenig streng eingefordert werden, ist ja der erste Corona-Tote in der eigenen Familie, dem Freundeskreis oder Arbeitsumfeld. 

Am Tod scheitert jeder unbegrenzte Herrschaftswillen. Dem Leben dient nur, wer frei und verantwortlich agiert. Das ist die Krone.