Caritas St. Pölten Menschenkette vor NÖ Landhaus

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Morgengedanken in Ö2 von Veronika Prüller-Jagenteufel

02.07.19 / 08:42

Veronika Prüller-Jagenteufel, theologische Referentin und Mitarbeiterin in der Seelsorge der Caritas St. Pölten, gestaltet in der Woche von 30. Juni bis 6. Juli (Montag bis Samstag um 5.40 und Sonntag um 6.05) die Morgengedanken in Radio Ö2. Nachstehend ihre Gedanken zum Nachlesen: 


Buchstäblich Caritas

Caritas ist ein Wort der Kirchen für Nächstenliebe und Solidarität. Die katholische Theologin Veronika Prüller-Jagenteufel erklärt die Bedeutung anhand von Begriffen, die mit den Buchstaben des Wortes Caritas beginnen:

C wie Chancen: 
Beim klassischen Pferderennen werden jenen Jockeys und Pferden, die leichter sind als die vorgeschriebene Norm, Gewichte an den Sattel gehängt. Alle Paare aus Reiter und Pferd sollen in etwa gleich viel wiegen. Das garantiert einen fairen Wettkampf. Denn nicht das schmächtigste, sondern das kräftigste Pferd mit der besten Reiterin soll gewinnen. Der Gewichtsausgleich gibt allen dieselben Chancen. 

Im Ringen um Glück und gutes Leben liegt es, denke ich, auf der Hand, dass nicht alle Menschen dieselben Chancen haben, sich ihr Lebensglück zu schmieden. Zu verschieden sind die Voraussetzungen, in die wir hineingeboren werden; zu unterschiedlich sind die Chancen, die uns das Leben zuspielt; und zu verschieden unsere Möglichkeiten, diese Chancen auch zu ergreifen. 

Früher wurde in der Sozialpolitik viel über Chancengleichheit und Chancengerechtigkeit diskutiert. In unseren heutigen Diskussionen vermisse ich diese Perspektive immer öfter.

Eine Chance haben allerdings alle Menschen immer: die Chance gut zu sein und anderen zu helfen. Ich bin überzeugt davon, dass darin die größte Chance auf ein erfülltes und gelingendes Leben liegt. Ich buchstabiere Caritas mit C wie Chancen.

A wie Anerkennen
Wir gehen Wandern und meine Freundin verschickt ein Gipfelfoto über Whats app. Ich habe mein Wunschgewicht erreicht und verkünde das freudig beim Frühstück. Meine Großnichte bringt mir ein Bild, das sie gemalt hat. Meine Freundin, meine Nichte und ich – wir alle wollen gelobt werden. Als Menschen wünschen wir uns Anerkennung – und sind es sehr gewohnt, dass es Anerkennung es vor allem für Leistungen gibt. Nicht immer wird dabei einberechnet, wie viel Anstrengung in einer Leistung steckt. Die Tochter eines Bekannten findet es voll unfair, dass ihr Bruder, der sich mit dem Lernen leicht tut, in der Schule mehr Anerkennung bekommt als sie, die sich enorm anstrengt, um überhaupt durchzukommen. 

Dabei sehnen sich die meisten Menschen nicht nur danach, dass jemand lobt, was sie leisten, sondern dass andere anerkennen, wer sie sind. Meine Nichte nimmt meine Bewunderung für ihr Bild persönlich. Denn was zählt, ist die Wertschätzung der Person, die in den anerkennenden Worten steckt. Jeder Mensch braucht zum Leben, dass ihm andere bestätigen: Es ist gut, dass es dich gibt. Du darfst da sein. Du gehörst dazu. Zu uns. Uns Menschen. Dein Menschsein zählt – vor jeder Leistung. Ich buchstabiere Caritas mit C wie Chancen und mit A wie Anerkennen.

R wie Respekt
Respektsperson – so nannte meine Großmutter Vertreter staatlicher Autorität: Polizisten etwa oder Beamte in ihren Büros. Oft war dabei ein belustigter Unterton in ihrer Stimme, vor allem, wenn jemand sehr auf sein Amt pochen musste, um ernstgenommen zu werden. Zugleich lernte ich von Kindheit an, jedem Menschen mit Respekt zu begegnen, ganz egal ob es eine Bettlerin oder ein hoher Beamter war, ein Kind oder ein alter Mensch, ein Fremder oder jemand aus der eigenen Familie. Respektvoll zu sein heißt freundlich zu sein, Rücksicht zu nehmen und auch zurückhaltend damit zu sein, meine Gefühle allzu direkt dem anderen aufzuhalsen. Respekt lässt dem anderen Raum und ist damit ein Schmiermittel des menschlichen Zusammenlebens. Er macht das Miteinander leichter. Respekt ist ein Gegenpol zum Egoismus. 

Respekt achtet die Grenzen des anderen. Besonders wichtig ist das im Bereich von Schwäche und Scham. Respektlos ist es, die Fehler und Schwächen anderer bloßzustellen und sich darüber lustig zu machen. Wir brauchen gegenseitigen Respekt, um uns als Menschen entfalten zu können. 

Ich buchstabiere Caritas mit C wie Chancen, A wie Anerkennen und R wie Respekt.

I wie Initiative
Lasst das Balkonisieren – mischt euch ein! Das ruft Papst Franziskus auf seinen Reisen immer wieder vor allem den jungen Menschen zu. Wer das Leben nur wie von einem Balkon aus beobachtet, wird das Beste daran versäumen. Und es ist auch billig, anderen bloß zuzuschauen, wie die sich engagieren, um das Leben für alle besser zu machen.

Erinnern Sie sich an die Muppet-Show? Das war eine Satire-Sendung im Fernsehen, mit Handpuppen. Da gab es zwei Figuren in einer Balkonloge eines Theaters, die zwischendurch ins Bild kamen und sarkastische Bemerkungen zum Weltgeschehen losließen. Lustig als Kabarett, als Lebenshaltung schrecklich unfruchtbar.

Die Alternative zu diesem Balkonisieren ist die Initiative: heruntersteigen, sich einmischen, etwas anfangen –mit dem eigenen Leben, ihm Sinn geben. Leben wir so, dass wir die Welt ein bisschen besser zurücklassen, als wir sie vorgefunden haben. Auch das sagt Papst Franziskus in einem seiner Lehrschreiben. Gelegenheiten, dafür die Initiative zu ergreifen und anzupacken, gibt es unendlich viele.

Ich buchstabiere Caritas mit C wie Chancen, A wie Anerkennen, R wie Respekt und I wie Initiative.

T wie Teilhaben
Wenn unsere Welt eine Firma wäre: wären wir dann Kunden dieser Firma, oder Besitzerinnen, oder Angestellte? Oder Teilhaber?! Für jeden eine Welt-Aktie. Bei über 8 Milliarden Weltbevölkerung wäre allerdings der Anteil, den ein einzelner Mensch zugesprochen bekäme, sehr klein – und der Einfluss des Einzelnen dementsprechend gering. Viele würden wohl ihre Aktie verkaufen – im Tausch gegen ein Recht auf Sicherheit und Nahrung etc. Die Käufer würden mächtiger; immer öfter würde nicht abgekauft, sondern weggenommen. Die Welt wäre bald in den Händen einiger weniger. Und die Interessen der Vielen hätten trotz ihrer großen Zahl wenig Gewicht.

Wir leben in einem kapitalistischen Zeitalter – da liegt so ein Bild der Gesellschaft als Firma nahe. Dennoch scheint mir die Vorstellung von der Gesellschaft als lebendiger Organismus treffender zu sein. Da gehört jeder Mensch dazu, wie die Glieder eines Leibes. Und jeder und jede Einzelne ist für die Lebendigkeit des Ganzen unbedingt wichtig. Alle müssen teilhaben, damit das Gemeinsame gelingt.

Ich buchstabiere Caritas mit C wie Chancen, A wie Anerkennen, R wie Respekt, I wie Initiative und T wie Teilhaben.

A wie Anwältin
Es heißt, wir leben in einer Klagsgesellschaft. Damit ist nicht gemeint, dass wir viel jammern, sondern schnell und oft andere anklagen und verklagen und zwar vor Gericht: den Nachbarn, dessen Hund zu laut bellt; die Ärztin, der ein Kunstfehler unterlaufen ist; das Reisebüro, das im Katalog zu viel versprochen hat. Wer klagt oder geklagt wird, braucht meistens einen Anwalt, um zu seinem Recht zu kommen, also einen Rechtsbeistand.

Neben diesen Vertretern vor Gericht werden Menschen auch in anderer Form zu Anwälten: nämlich dann, wenn sie sich für ein Thema oder eine Personengruppe öffentlich stark machen z.B. für den Klimaschutz oder für Arbeitslose oder Alleinerzieherinnen. Dabei kann es auch einmal um Rechtsfragen gehen, aber vor allem brauchen diese Gruppen den Beistand von engagierten Menschen, um überhaupt eine Stimme und damit Aufmerksamkeit zu bekommen: in der Öffentlichkeit, in den Medien, in der Politik. In unserer lauten Gesellschaft braucht es diese Art Anwälte und Anwältinnen, damit die wichtigen Anliegen einer guten gemeinsamen Zukunft zur Sprache kommen.

Ich buchstabiere Caritas mit C wie Chancen, A wie Anerkennen, R wie Respekt, I wie Initiative, T wie Teilhaben und A wie Anwältin. 

S wie Solidarität
Einer für alle – alle für Einen. Das ist das Motto der drei Musketiere, also der Helden aus einem dieser Mantel- und Degenfilme, die in meiner Jugend schon alte Evergreens waren. Das Motto ist aber immer noch top aktuell und fasst zusammen, was Solidarität meint: Denn Solidarität ist eine Haltung, in der Menschen darauf achten, dass niemand unter die Räder kommt – alle für Einen – und eine Haltung, in der Einzelne sich einsetzen und notfalls dem Rad in die Speichen fallen, wenn es andere zu überrollen droht: Einer für alle. Und heutzutage heißt das natürlich auch: Eine für alle und alle für Eine und in allen möglichen Kombinationen dazwischen.

Wer schon einmal auf die Solidarität anderer angewiesen war, weiß wohl, dass sie dann besonders gut tut, wenn die Hilfe nicht von oben herab kommt, sondern ehrlich vermittelt: Du bist ein Mensch wie wir und wir Menschen sorgen füreinander. Dieser Zusammenhalt ist für die Menschheit mindestens ebenso wichtig wie unser Streben nach Unabhängigkeit.

Caritas buchstabiere ich mit C wie Chancen, A wie Anerkennen, R wie Respekt, I wie Initiative, T wie Teilhaben, A wie Anwältin und S wie Solidarität.