Caritas St. Pölten Menschenkette vor NÖ Landhaus

Caritas St. Pölten Menschenkette vor NÖ Landhaus

Appell des Caritasdirektors

06.04.21 / 13:00

Der St. Pöltner Caritasdirektor Hannes Ziselsberger appelliert zum Barmherzigkeitssonntag in „Kirche bunt“ für eine Neubewertung von Migration und für die Belebung humanitärer Aufenthaltstitel.

 In den letzten Monaten haben Abschiebungen von gut integrierten Familien mit Kindern für große Aufregung gesorgt. Teile der Zivilgesellschaft erleben dies als Schlag in das Gesicht jahrelanger humanitärer Bemühungen. In diese Diskussion möchte ich einen vielleicht unerwarteten Aspekt einbringen. Wir werden aus demographischen Gründen in den nächsten Jahren für den Wirtschaftsstandort Österreich Zuwanderung brauchen. Bestätigung zu dieser Annahme ist durch diverse Meldungen in Medien zu finden, die – trotz aktueller Corona-Krise – über einen spürbaren Fachkräftemangel berichten, der den Wirtschaftsstandort Österreich mittelfristig schädigt.

 Wir haben ein demographisches Problem. In Österreich ist die Geburtenrate seit den 1970er- Jahren auf weit unter zwei Kinder pro Frau gesunken. Die Jahrgänge in Österreich mit den meisten Kindern waren von 1959 bis 1969, in den sogenannten „Babyboomer-Jahren“. Seit 30 Jahren beträgt die sogenannte Fertilitätsrate in Österreich etwa 1,3 bis 1,5 Kinder pro Frau. Das heißt, dass die Zahl der in Österreich geborenen Menschen pro Generation um 30 Prozent sinkt. Das ist in vielen Ländern Westeuropas so. Besonders spürbar wird dies ab 2023/2024, wo dann die geburtenstarken Jahrgänge ihre Regelpension antreten werden, durch vorzeitige Pensionsantritte vermutlich schon früher. Allein für Niederösterreich bedeutet dies, dass dann jedes Jahr etwa 28.000 Personen ins Pensionsalter kommen, aber nur 17.000 junge Menschen ins Berufsleben einsteigen.

Großes Problem am Arbeitsmarkt

Viele Jahre wurde der Arbeitskräftebedarf aus südöstlichen Nachbarländern gedeckt. Aber wie schaut es dort aus? Seit der politischen Wende 1989/90 sind die Geburtenraten in allen ehemaligen Ländern des Ostblocks eingebrochen. Ein spürbarer Anteil der Bevölkerung Polens, Ungarns, Rumäniens, Bulgariens ist bereits nach Deutschland, England oder andere westliche Staaten ausgewandert und hat dort fehlende Arbeitskräfte ersetzt. Vor allem die jungen und mobilen Menschen sind ausgewandert. Die Bevölkerung von Rumänien ist beispielsweise seit 1990 von 23,2 Mio auf 19,3 Mio im Jahr 2019 gesunken. Das Arbeitskräftepotenzial geht mittelfristig auch in den südöstlichen Ländern Europas zurück. Ein Beispiel dafür ist Albanien. Während im Jahr 1990 noch 82.125 Kinder zur Welt kamen, waren dies im Jahr 2000 nur noch 51.242 und im Jahr 2020 nur noch etwa 28.000 Kinder. Das ist nur eines der Beispiele, die sich abgeschwächt auch in Polen, Ungarn, Rumänien oder der Ukraine wiederfinden. Aus diesen Ländern wird der Arbeitskräftemangel in Westeuropa nicht mehr zu decken sein, ohne die Entwicklung in diesen Ländern zu gefährden.

 Auch wenn jetzt die Corona-Pandemie zu einer Rekordarbeitslosigkeit führt, werden wir in wenigen Jahren ein großes Problem am Arbeitsmarkt bei der Personalsuche erleben. Österreichs Wirtschaft braucht für den Erhalt der Produktivität und Leistungsfähigkeit Fachkräfte in allen Arbeitsbereichen. Wir benötigen Betreuungs- und Pflegekräfte, um die Babyboomer- Jahrgänge der 1960er- bis 1970er-Jahren in Zukunft betreuen zu können. Wir werden Polizistinnen, Lokführerinnen, Lehrerinnen oder Handwerkerinnen benötigen, um die Aufgaben der Gesellschaft bewältigen zu können. Und wir werden lernen müssen, mit einer sinkenden Zahl der Bevölkerung umzugehen. In vielen europäischen Ländern übersteigt die Zahl der Sterbefälle die Zahl der Geburten spürbar. In Italien etwa – um ein Nachbarland zu nennen – sterben seit einigen Jahren jährlich 200.000 Menschen mehr als geboren werden.

In etwa drei bis fünf Jahren beginnt in Österreich mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Problem bei der Nachbesetzung von freien Stellen. Unsere Sozialsysteme sind davon abhängig, dass Betreuungs- und Pflegeaufgaben übernommen werden. Wir werden daher Zuwanderung benötigen. Es erscheint mir mehr als angebracht, intensiv über neue Modelle dazu nachzudenken. Eine Zuwanderung, die geregelt und geplant erfolgen muss. Eine Zuwanderung, die nicht mit dem Thema Flucht vermengt wird, die aber auch nicht daran vorbeisehen kann. Ich halte es aus den oben genannten Überlegungen für dringlich, neu über Fragen der Zuwanderung nachzudenken. Und ich sage es hier ganz offen: Ich wünsche mir in diesem Zusammenhang für langjährig in Österreich befindliche und gut integrierte Menschen ein Bleiberecht aus humanitären und aus wirtschaftlichen Gründen. Weil es unvernünftig und unwirtschaftlich ist, die Früchte jahrelanger (Bild ungs-)Investition in Kinder und Jugendliche nicht „zu ernten“. Ich wünsche mir gut durchdachte humanitäre Aufnahmeprogramme, die mit Integrations- und Bildungsangeboten verbunden werden. Weil wir ohnedies beginnen werden müssen, für Österreich als Zuwanderungsland zu werben.

Wir stehen vor massiven Umbrüchen

Es braucht also ein Jahrzehnt, in dem Österreich massiv in seine soziale Infrastruktur investiert, um den strukturellen Wandel der Demographie zu meistern. Es braucht Investitionen in Integration und vor allem in Bildung. Es gibt diese Ansätze bereits im Kleinen, es braucht sie aber noch mehr in der Breite. Lerncafes, Integrations- und Deutschkurse, Leben in Nachbarschaft und vieles mehr muss weiterentwickelt werden. Wenn nun bei Abschiebungen gut integrierter Familien zivilgesellschaftliche Netzwerke aufschreien, dann sind dies Ausprägungen einer sozialen Verantwortung, die wir in den nächsten Jahren noch mehr benötigen.

 Wir stehen vor massiven Umbrüchen und müssen strukturell vordenken, um nicht zu spät mit dem Steuern zu beginnen. Es gibt immer wieder große Schiffe, die auf einer Sandbank auflaufen. Diese Schiffe haben einen langen Bremsweg und brauchen für eine Richtungsänderung einen großen Kurvenradius. Unsere Gesellschaft ist in Hinblick auf Demographie wie diese großen Schiffe unterwegs. Es braucht mutige Steuermänner und Steuerfrauen, die rechtzeitig darauf vorbereiten, dass ein neuer Kurs nötig ist. Sonst kann es sein, dass es uns wie der Titanic gehen wird, die zwar möglichst schnell unterwegs war, auf der es Reichtum und Ausgelassenheit gab, die aber nicht in der Lage war, den Eisbergen auszuweichen – obwohl dem Kapitän bekannt war, dass es diese Eisberge gibt. Auch wir kennen die künftigen Eisberge, werden wir den Mut haben, rechtzeitig gegenzusteuern?

Zum Kirche bunt Artikel:

https://app.smarticle.com/html5/SlIxq1WuxG/fG9T8RClT7dRj/page/2